Profis | 06.03.2021

Hüben wie drüben

Geils: „Es war eine schöne Zeit“

Karl-Heinz Geils hat 405 Bundesliga-Spiele bestritten, doch das Rampenlicht suchte er nie. Mit dem 1. FC Köln traf er im UEFA-Pokalfinale auf Real Madrid. Im Trikot von Werder Bremen grätschte der Verteidiger jahrelang gegen den Abstieg. Im Gespräch blickt Geils auf seine Zeit am Rhein und an der Weser zurück – und erzählt, was er mittlerweile beruflich macht.

Bei großer Gefahr einschreiten. Das hat Kalle Geils als Abwehrspieler des Öfteren gemacht. Er rackerte, rannte, grätschte. Seine Gegner ließ er nur ungern vorbei. Was ihm in den Weg kam, räumte er ab. Auch heute geht er noch dazwischen, wenn es brenzlig wird. Mittlerweile aber, um Kollisionen zu vermeiden. Dann pflügt er nicht mehr den Rasen um, sondern tritt in die Bremsen. Einst waren die größten Fußballstadien der Republik sein Arbeitsplatz. Heute ist es der Beifahrersitz. Denn Karl-Heinz Geils ist Fahrlehrer. In seinem Heimatort Ritterhude betreibt er seit 35 Jahren eine Fahrschule. „Im Auto musste ich häufiger in höchster Not klären als auf dem Fußballplatz“, bilanziert der 65-Jährige, der jährlich rund 70 Fahranfänger ausbildet. Auf seine Zeit als Bundesligaspieler sprechen ihn seine Schüler nur selten an. „Die meisten wissen gar nicht, dass ich Profifußballer war. Das ist alles schon so lange her“, sagt Geils bescheiden. Dabei hat er einiges zu erzählen.

Aufgewachsen im niedersächsischen Ritterhude, an der Stadtgrenze von Bremen, wechselt Geils als 17-jähriger in die Nachwuchsabteilung von Werder. Zunächst spielt er in der A-Jugend, ab 1974 dann für die Amateurmannschaft der Grün-Weißen. Parallel leistet er verpflichtenden Wehrdienst bei der Bundeswehr. „Die ganzen Manöver musste ich aber nicht mitmachen.“ Geils darf zu Hause schlafen und ist für die Trainingseinheiten freigestellt. „Das war mit dem Hauptmann so abgesprochen. Der hatte gute Beziehungen zu Werder.“

Geils setzt alles daran, Fußballprofi zu werden. Doch während der Zeit bei der Bundeswehr wächst auch schon sein Interesse am Beruf des Fahrlehrers. „Ich habe dort meinen LKW-Führerschein gemacht. Mein Fahrlehrer war sehr fußballinteressiert, wir haben uns viel unterhalten“, erinnert sich Geils. „Er hat mir dann auch einiges über seinen Beruf erzählt. Das fand ich sehr spannend. Schon damals konnte ich mir den Beruf auch für mich gut vorstellen.“ Doch zunächst liegt sein Fokus auf der Fußballkarriere. In der Spielzeit 1974/75 debütiert Geils als Vertragsamateur in der Bundesliga, in der Folgesaison unterschreibt er seinen ersten Lizenzspielervertrag bei Werder. Er entwickelt sich schnell zum Stammspieler in einer Zeit, die in Bremen vom Abstiegskampf geprägt ist. Mehrfach entrinnen die Werderaner dem Abstieg nur denkbar knapp. Binnen vier Spielzeiten wechselt der Verein fünfmal den Trainer. „Der Mannschaftsgeist war trotzdem gut. Ständig gegen den Abstieg zu spielen, schweißt zusammen.“

Abstieg statt Europameisterschaft

Geils überzeugt in der Liga und spielt für diverse Auswahlmannschaften des DFB. Mit der deutschen U21 wird er Vize-Europameister, doch ein A-Länderspiel bestreitet er nie. „Ich habe dafür nicht im richtigen Verein gespielt. Die meisten Nationalspieler haben im Europapokal und um die Meisterschaft gespielt. Ich meistens nur gegen den Abstieg.“ Auf Geils‘ Position spielt in der deutschen Nationalmannschaft Karlheinz Förster, einer der weltbesten Vorstopper. „Das sagt schon alles. Was hätte ich dem Bundestrainer denn sagen sollen? Ich konnte ja nicht fordern, anstelle von Förster zu spielen.“

Während die deutsche Nationalmannschaft 1980 Europameister wird, erholt sich Geils vom bittersten Moment seiner Karriere. In der Saison 1979/80 steigt er mit Werder ab. „Wir haben auswärts viel zu häufig verloren, das hätte nicht sein müssen. Auch Verletzungen kamen dazu. Das war alles sehr ärgerlich.“ Vier Punkte fehlen am Ende. Geils beschließt, Bremen zu verlassen. „Ich wollte weiter in der ersten Liga spielen.“

Der robuste Verteidiger mit markantem Schnäuzer wechselt zu Arminia Bielefeld, verspricht dem neuen Werder-Trainer Otto Rehhagel aber, zu Bremen zurückzukehren, wenn Bielefeld absteigt. Doch die Arminia schafft in der Saison 1980/81 den Klassenerhalt und Geils bleibt. Er verpasst die wohl erfolgreichsten Jahre der Bremer Vereinsgeschichte, an deren Ende 1988 die Deutsche Meisterschaft steht. Traurig ist er darüber aber nicht. „Nachher ist man immer klüger. Die Zeit mit Otto in Bremen wäre bestimmt schön geworden, aber ich misse das nicht. Ich habe mich sowohl in Bielefeld als auch später in Köln und Hannover sehr wohlgefühlt“, sagt Geils. „Wäre ich nach Bremen zurückgekehrt, hätte ich all das andere Schöne in meiner Karriere nicht erlebt.“ Für seine Persönlichkeit, sagt Geils, sei es ohnehin wichtig gewesen, mal andere Vereine als Werder Bremen zu sehen. „So hat meine Laufbahn nochmal einen anderen Touch bekommen.“

Ein Mann für alle Fälle

Nach vier Jahren auf der Alm folgt 1984 der Wechsel ans Geißbockheim. „Der FC war damals sehr erfolgreich, ein großer Verein. Das habe ich sofort gemerkt, auch im ganzen Umfeld. Großstadtmäßig eben“, erzählt Geils, der drei Jahre lang ein unverzichtbarer Bestandteil der FC-Abwehr ist. „Die Zeit in Köln war eine schöne. Meine Familie und ich sind damals sehr gut aufgenommen worden. Wir haben schnell Kontakt zu unseren Nachbarn geknüpft. Wie das halt so ist in Köln.“ Der Defensivhaudegen wohnt mit seiner Ehefrau und drei Söhnen etwas außerhalb der Stadt, in Pulheim-Brauweiler. Wegen des Karnevals hatte er anfangs Bedenken, doch diese wichen schnell großer Begeisterung. „Als Norddeutscher war mir Karneval fremd. Im ersten Jahr in Köln musste man mir die ganzen kölschen Wörter noch übersetzen, im zweiten Jahr habe ich dann aber alles verstanden.“ Während seiner Zeit im Rheinland besucht Geils mit den Kindern jedes Jahr den Rosenmontagszug. Seit seiner Rückkehr nach Norddeutschland verfolgt er Sitzungen und Umzüge närrisch vor dem Fernsehbildschirm. „Der Begeisterung kann ich mich nicht mehr ganz entziehen.“

Doch ansonsten meidet Geils den großen Trubel lieber. So war es früher schon. Er ist eher introvertiert, die Nähe zu Kameras und Notizblöcken suchte er nie. Umso enger stand er dafür bei seinen Gegenspielern. Frank Mill, Olaf Thon, Asgeri Sigurvinsson. Die besten Spielmacher und Stürmer der Liga „degradiert Geils zu Statisten“, wie Autor Holger Rathke in der GeißbockEcho-Ausgabe Nr. 9 der Saison 1986/87 schreibt. Geils ist Titelheld jenes Heftes, wird als „ein Mann für alle Fälle“ beschrieben, der das „Hirn der gegnerischen Mannschaft ausschaltet“. Seine harte und kompromisslose, aber doch faire Spielweise ist ligaweit bekannt und wird beim FC geschätzt. „Der Kalle ist ein ungemein wertvoller Mann“, schwärmte Trainer Christoph Daum. In den Schlagzeilen externer Medien stehen aber andere. „Wenn ich von Journalisten gefragt wurde, habe ich geantwortet. Aber mein Spielstil war wahrscheinlich nicht glamourös genug.“

„Wir waren geschockt“

In der Saison 1985/86 ist Geils als unangefochtener Stammspieler maßgeblich daran beteiligt, dass der FC zum ersten und bisher einzigen Mal ein europäisches Finale erreicht. Der Gegner: Real Madrid. Das Finale wird damals noch in Hin- und Rückspiel ausgetragen. „Was dann aber geschah, war sehr ärgerlich. Uns wurde für das Rückspiel unser Heimrecht geklaut“, ärgert sich Geils noch immer. Wegen Fanausschreitungen rund um das Halbfinal-Rückspiel bei der KSV Waregem belegte die UEFA den FC mit einer Platzsperre und der Auflage, das Rückspiel mindestens 350 Kilometer entfernt von Köln auszutragen. „Wir waren geschockt. Als Spieler hatten wir von den Geschehnissen in Belgien gar nicht viel mitbekommen, waren plötzlich aber die Leidtragenden.“

Das Hinspiel im Estadio Santiago Bernabeu verlor der FC mit 1:5. Vor allem in der zweiten Hälfte lief nichts mehr zusammen. „Wieso das so war, ist im Fußball manchmal schwierig zu erklären. Nach dem Spiel haben wir uns auch gefragt, wie es angehen konnte, dass wir so hoch verloren haben.“ Das Rückspiel im mit 16.185 Zuschauern spärlich gefüllten Berliner Olympiastadion gewinnt der FC mit 2:0, der Pott aber geht nach Madrid. „Im Müngersdorfer Stadion, mit unseren Fans im Rücken, hätten wir es noch schaffen können“, ist Geils überzeugt. „Die Madrilenen haben das nicht mehr so ganz ernst genommen. Die haben mit angezogener Handbremse gespeilt.“ Doch statt des Pokals nahm Geils als Andenken nur einen ausgekugelten Zeh mit. Einen Titel gewinnt er nie. „Also bitte. Mit der D-Jugend von Ritterhude bin ich mal Kreismeister geworden. Das ist doch was, oder?“, entgegnet er lachend.

Fahrlehrer und Großvater

1987 unterschreibt er bei Hannover 96, wo er drei Jahre später seine Karriere beendet. Parallel absolviert er die Ausbildung zum Fahrlehrer, ehe er zurück in seine Heimat Ritterhude zieht und sich mit einer Fahrschule selbstständig macht. „Ich wollte nicht ständig auf einen Computer-Bildschirm starren. Ich fahre lieber Auto und schaue in der Weltgeschichte herum.“ Frau Susanne ist Bürgermeisterin der Gemeinde. Die beiden haben fünf Enkelkinder. „Wir sind also sehr gefragt.“ Den FC und Werder verfolgt er regelmäßig, obwohl er jahrelang nicht mehr im Stadion war. „Ich schaue mir am Wochenende die Sportschau an, aber tagsüber verfolge ich die Spiele nur im Radio. Der Samstag ist bei uns in der Fahrschule ein Hauptarbeitstag. Ich habe also gar keine Zeit.“ Für Werder und den FC wünscht er sich, dass beide in der Bundesliga bleiben. „Ich will nicht nochmal so zittern müssen wie in der vergangenen Saison mit Bremen.“

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PL.VereinPkt.
16Hertha BSC26
171. FC Köln23
18FC Schalke 0413

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