Profis | 17.03.2018

Claudio Pizarro im GeißbockEcho

"Glück kommt durch Tore"

Claudio Pizarro ist der älteste Spieler der Bundesliga, aber trotz seiner 39 Jahre noch immer einer, der den Unterschied ausmachen kann. Im GeißbockEcho spricht er über ­Stürmerschicksale, den Abstiegskampf, das Älter­werden – und Per Mertesackers Äußerungen über den Druck im Profifußball.

Claudio, diese Woche begann mit einem Dämpfer: der Niederlage gegen Bremen. Wie sehr beschäftigt dich dieses Spiel noch?
Das hat richtig wehgetan. Wir sind in einer komplizierten Situation, die jetzt noch schwieriger geworden ist. Ich hatte die Chance, das 2:2 zu machen – und habe sie vergeben.

Schwirrt so eine vergebene Torchance lange in deinem Kopf?
Ja, das vergisst man nicht so schnell, man denkt viel darüber nach, besonders in ­unserer aktuellen Lage. Mit einem Tor ­hätte ich uns vielleicht einen Punkt sichern können. Wir sind nach dem Spiel spät aus Bremen zurückgekommen, ich war erst um 3.30 Uhr im Bett und bin trotzdem am nächsten Morgen früh aufgewacht, obwohl ich total müde war. In den ersten Tagen nach so einer Niederlage ist man enttäuscht und traurig. Das ist ganz normal. Man darf zwei, drei Tage überlegen, was schlecht lief und was man korrigieren sollte – aber dann muss man es abhaken und hinter sich lassen. Ich bin lange im Geschäft, ich weiß: Es muss weitergehen.

Im Spiel davor, gegen Stuttgart, hast du dein erstes Tor für den FC erzielt und danach gesagt, dass dir der Treffer Selbstvertrauen gibt. Hast du davon mit deinen mehr als 400 Bundesligaspielen und fast 200 Toren nicht ohnehin reichlich?
So einfach ist es nicht. Natürlich habe ich viel Erfahrung und kenne im Strafraum jeden Grashalm. Aber auch für mich gilt: Mit einem Tor kommt neues Selbstvertrauen. Und oft kommen dann noch mehr Treffer, selbst dann, wenn man es nicht erwartet. Das Glück kommt durch Tore. Das habe ich oft erlebt. Plötzlich werden selbst misslungene Schüsse abgefälscht und gehen irgendwie rein. Plötzlich hat man einen Lauf und alles gelingt. Aber diese Phase dauert nicht ewig, deshalb muss man sie nutzen. Es kommen auch Phasen, da trifft man das leere Tor nicht. So ist das Leben als Stürmer.

Hattest du zwischendurch Zweifel, ob du auch mit 39 Jahren noch mithalten kannst?
Nein, ich hatte keine Zweifel. Ich wusste, dass man als Stürmer durch Phasen geht. Und wenn es nicht gut läuft, muss man arbeiten, arbeiten, arbeiten. Bis sich Sachen ändern. Ich weiß, ich habe die Qualität. Aber manchmal ist es schwierig, in den Rhythmus reinzukommen. Jetzt bin ich im Rhythmus.Hat dir dein Tor gegen Hannover in der Woche zuvor dabei geholfen – obwohl es nicht gezählt hat?Ich glaube schon. Ich wurde eingewechselt, habe mich super gefühlt und habe durch das Tor – auch wenn es nicht gezählt hat – gesehen, dass ich im entscheidenden Moment da sein kann. Ich glaube, das war auch für meine Kollegen wichtig. Zu spüren, dass sie auf mich zählen können.

Wie war das für dich, während der Saison zu einer Mannschaft zu stoßen, die in einer tiefen Krise steckt?
Als ich gekommen bin, habe ich schnell gesehen, dass die Mannschaft gut ist. Sie war es bloß nicht gewohnt, in drei Wett­bewerben zu spielen. Es gab auch viele Verletzte. Wir können sehr guten Fußball spielen und zeigen das auch immer wieder. Aber leider sind wir in einer Situation, in der Selbstvertrauen und Erfolgserlebnisse fehlen. Wir haben viel weniger Punkte als wir mit unserer Qualität haben könnten. Aber die Tabelle lügt nicht.

Wie siehst du deine Rolle in dieser Mannschaft?

Ich habe viel mehr Erfahrung als die anderen Jungs. Ich bin schon lange im Fußball und kenne die Bundesliga genau. Mein Job ist es, die anderen in dieser schwierigen Situation aufzurichten. Sie sollen nicht negativ im Kopf sein, sondern immer positiv bleiben. Immer nach vorne schauen.Vor dem Anpfiff in Bremen bist du im Spielertunnel zu deinen Mitspielern gegangen und hast mit jedem einzelnen gesprochen.Ich habe ihnen Mut zugesprochen und viel Glück gewünscht. Das mache ich vor jedem Spiel, nur normalerweise schon in der Kabine. Diesmal hat es bei mir bloß mit dem Tapen etwas länger gedauert.

Hast du das schon immer gemacht?
Nein, früher war ich ein Spieler, der nicht viel gesprochen hat. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es für andere Spieler wichtig sein kann, mich nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Ich versuche, meinen Mitspielern Ratschläge zu geben und für sie da zu sein. Als ich ein junger Spieler war, haben mir die Älteren auch geholfen. Andy Herzog und Dieter Eilts in Bremen, bei den Bayern Stefan Effenberg oder Giovane Elber. Ich habe damals viel von ihnen gelernt. Das will ich weitergeben.

Per Mertesacker, ein anderer früherer Mitspieler von dir, hat dem Nachrichtenmagazin Spiegel kürzlich erzählt, wie er unter dem Druck leidet, der auf Profi-Fußballern lastet.

Wirklich? Von dem Artikel habe ich bisher gar nichts mitbekommen. Ich war immer jemand, der unter Druck am besten gespielt hat. Ich bin gewohnt, Druck zu haben. Ich bin mit 22 zu Bayern gegangen. Da herrschte in jedem Spiel Druck.

Hat dich das belastet?
Ja, klar. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Als Spieler steht man ja nicht nur auf dem Platz unter Druck. Wenn du nicht spielst, sondern auf der Bank oder Tribüne sitzt, fühlst du dich ja auch nicht gut. Vor allem, wenn für dich eine hohe Ablöse bezahlt wurde. Dann fangen die Leute zu reden an. In solchen Situationen musst du versuchen, positiv zu bleiben und dir zu sagen: Ich bin Fußballer, ich mache als Beruf das, was ich am liebsten tue.

Per Mertesacker sagte, er sei manchmal sogar über Verletzungen erleichtert gewesen, weil sie ihm Zeit zum Durchatmen gegeben hätten.

Da denke ich total anders. Ich fühle mich schlecht, wenn ich nicht spielen kann, wenn ich nicht weiß, ob alles richtig heilt und ob ich weiterhin tun kann, was ich so sehr genieße.

Hast du Mertesacker angemerkt, dass es ihm nicht gut ging?
Nein. Der einzige Mitspieler, bei dem mir etwas wirklich Schwerwiegendes aufgefallen ist, war Sebastian Deisler, mit dem ich bei Bayern gespielt habe. Er hatte Depressionen. Bei ihm konnte man sehen, dass es nicht einfach für ihn war. Was man natürlich mitbekommt, ist, wenn ein Mitspieler mal eine schwierige Phase hat. Da kenne ich es so, dass man zu ihm hingeht und versucht, ihn aufzurichten.

Das komplette Interview gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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