Profis | 14.01.2021

Hüben wie drüben

Götz: „Es ging nicht um Leib und Leben“

1983 setzt Falko Götz sein Leben aufs Spiel, um Bundesliga-Profi zu werden. Das Unterfangen glückt. Fünf Jahre später wechselt er von der rechten Rheinseite auf die richtige – von Leverkusen ans Geißbockheim. Mit dem FC wird der Offensivspieler zweimal Vizemeister und erreicht das DFB-Pokalfinale. In seiner letzten Saison als Spieler steigt er mit der Hertha in die Bundesliga auf, als Trainer führt er die Alte Dame in den Europapokal. Im Gespräch blickt Götz auf seine bewegte Karriere zurück.

DFB-Pokalfinale. Unentschieden nach 90 Minuten. Auch nach der Verlängerung gibt es keinen Sieger. Im Elfmeterschießen tritt Falko Götz als fünfter Schütze für den 1. FC Köln an. Verschießt er, ist das Endspiel verloren, der Titeltraum geplatzt – bevor der letzte Schütze von Werder Bremen überhaupt antreten muss. Rudy und Littbarski hatten für den FC verschossen, auf Seiten der Bremer nur Klaus Allofs. Entschlossen legt sich Götz den Ball zurecht, geht einige große Schritte zurück, bleibt im Halbkreis vor dem Sechzehner stehen. Nur für Millisekunden. Dann läuft er an. Geradlinig. Schnellen Schrittes. Wie er sich wohl gefühlt haben muss? 

„Ich hatte zig Adrenalinschübe. Mein Puls war gefühlt bei über 200. Aber es ging ja nicht um Leib und Leben.“ Götz weiß, wovon er spricht, wenn es darum geht, alles aufs Spiel zu setzen. Aber dazu später mehr. Am Sommerabend des 22. Juni 1991 schießt er jedenfalls den Ball mit der Innenseite ins Tor. Ausgleich. 3:3. Doch wenn Bremens Uli Borowka trifft, ist alles vorbei. „Am liebsten hätte ich ihm den Ball persönlich in die Hand gedrückt, um ihn einzuschüchtern. Ich war aggro bis unters Dach. Aber ich glaube, der wäre im Zweifel sogar hinter den Trainerbänken hergelaufen, um mir nicht zu begegnen“, flachst Götz, der mit ansehen muss, wie Borowka den Elfmeter versenkt. „Das war vielleicht sogar der traurigste Moment in meiner Karriere. Ich würde noch heute viel dafür geben, damit der Titel an uns geht.“

In der Nacht nach der Niederlage ertränken viele FC-Spieler ihre Enttäuschung im Alkohol. Aber durch die Nachtclubs zu tingeln, „darauf hatte ich keinen Bock.“ Stattdessen plündert Götz mit Mannschaftskollege Paul Steiner die Bar des Teamhotels. „Ich weiß nur, dass mir meine Frau irgendwann unter die Arme gegriffen und mich ins Bett geschliffen hat.“ Das verlorene Pokalfinale nagt bis heute an Götz, doch die Dankbarkeit, überhaupt Bundesliga-Spieler geworden zu sein, überwiegt. „Dass ich dieses Elferschießen und diese Karriere als Spieler erleben durfte, fußt ja nur auf dem Wagnis, das ich einige Jahre zuvor eingegangen war.“

Flucht in den Westen

Denn am 3. November 1983 setzt der in der DDR aufgewachsene Götz sein Leben aufs Spiel, um Bundesliga-Spieler zu werden. Er ist damals 21 Jahre alt und spielt für den BFC Dynamo, einen der erfolgreichsten Fußballclubs in der DDR, der gefördert wird von Stasi-Chef Erich Mielke. Dreimal wird Götz mit den Ost-Berlinern DDR-Meister, durch internationale Spiele lernt er die Lebensvorzüge in Westeuropa kennen und schätzen. „Es gab nach den Titeln für mich nur noch wenige Ziele in der DDR-Oberliga. Ich hatte mir jenseits der Mauer einen guten Namen gemacht und wollte den nächsten Schritt gehen. Den konnte ich nur machen, wenn ich mir eine stärkere Liga suche. Die gab es nur im Ausland.“ 

Bei einem Länderspiel der U21-Nationalmannschaft der DDR wird Götz gezielt von einer Person angesprochen, die er aus dem Fernsehen kennt. „Er offerierte mir, dass man mal über einen Wechsel in die Bundesliga sprechen könne. Seinen Namen nenne ich nicht, das ist versprochen.“ Womöglich war Götz das Gesicht bekannt, weil er seit der Kindheit heimlich und begeistert die ARD-Sportschau schaute. Durch das Gespräch reift in ihm der Entschluss, gemeinsam mit Freund und Mitspieler Dirk Schlegel in die Bundesrepublik Deutschland zu fliehen. 

Während der Auswärtsreise zum Europapokalspiel gegen Partizan Belgrad passiert es. Götz und Schlegel nehmen ihren ganzen Mut zusammen, obwohl sie ahnen, dass einige Mitspieler und Betreuer als Spitzel dem Staatssicherheitsdienst dienen. Bei einem Einkaufsbummel einen Tag vor der Partie nutzen sie die Gunst der Stunde, als sich Teamkollegen und Aufpasser in einem Schallplattengeschäft von Musik berieseln lassen. Durch einen Seiteneingang entwischen Götz und Schlegel aus dem Kaufhaus und fliehen in die Deutsche Botschaft. Mit neuen Papieren und unter falschem Namen beginnt eine bange Fahrt, die über Zagreb mit dem Nachtzug von Ljubljana nach München führt. Die Flucht glückt. Sie stellen Kontakt zu Jörg Berger her, der vier Jahre zuvor ebenfalls aus der DDR geflohen war. Der damalige Trainer von Hessen Kassel kontaktiert seinen Freund Rainer Calmund und vermittelt Götz und Schlegel zu Bayer 04 Leverkusen. „Ich bin Jörg sehr dankbar. Er hat mir wichtige Lebenstipps gegeben. Leider ist er früh verstorben. Er fehlt mir.“

„Wir waren ein verschworener Haufen“ 

Mit der Werkself gewinnt Götz 1988 den UEFA-Pokal, ehe er zum FC wechselt. „Littbarski, Illgner, Allofs, Häßler. Spätere Weltmeister spielten für den FC. Ich kam in eine Spitzenmannschaft. Die großen Erfolge des Vereins lagen nicht lang zurück – und natürlich war es auch finanziell attraktiv“, gibt der Offensivspieler zu, der damals ein Haus im Rheinland bauen lässt und angetan ist von den Gesprächen mit Trainer Christoph Daum. „Er war sehr leidenschaftlich und temperamentvoll. Er hatte eine Vision für das Team, den Club und für mich. Es waren keine langen Verhandlungen, wir haben uns dreimal getroffen – dann war die Nummer durch.“ Der gute erste Eindruck sollte sich bestätigen. „Christoph Daum hat jeden Tag sehr akribisch mit uns gearbeitet. Es gab im Training oft die Peitsche, aber an den Wochenenden haben wir uns dann das Zuckerbrot verdient.“ 

Götz etabliert sich auf Anhieb beim FC, spielt anders als in Leverkusen selten im Angriff, sondern im offensiven Mittelfeld. Mit dem FC wird er zweimal Vizemeister, erreicht in der Saison 1989/90 das Halbfinale im UEFA-Pokal gegen Juventus Turin und ist mit sechs Treffern sogar bester Torschütze des Wettbewerbs. „Die Zeit beim FC war eine besonders schöne. Wir waren ein verschworener Haufen, waren sehr ehrlich zueinander, aber auch kritisch. Wer mit Litti zusammenspielt, weiß, dass es da auf dem Platz auch mal raucht. Aber das war leistungsfördernd.“ Nicht vergessen wird Götz die Unterhaltungen zwischen dem 1,68 Meter großen Littbarski und dem zwei Zentimeter kleineren Icke Häßler. „Zwischen den beiden gab es immer die Diskussion ‚Was ist wirklich groß?‘. Ich kann da jetzt nicht ins Detail gehen, aber jeder kann sich vorstellen, wie belustigt wir waren, wenn die beiden anfingen, sich über groß und größer in die Haare zu bekommen.“

Die schönen Erinnerungen überwiegen, obwohl Götz während seiner vier Jahre beim FC keinen Titel gewinnt. „Es fehlte hier und da das I-Tüpfelchen. Wir hatten ein junges Team und haben in der Meisterschaft teilweise unnötig Punkte abgegeben.“ In der Saison 1991/92 wird der FC Vierter – und schafft für 25 Jahre die letzte Qualifikation für den UEFA-Pokal. Danach wechselt Götz zu Galatasaray Istanbul, da der FC in finanzielle Nöte gerät und auf Einnahmen angewiesen ist. „Die Verantwortlichen haben mir offen gesagt, dass der Verein sich mich nicht mehr leisten kann.“

Boateng-Brüder debütieren unter Götz 

Über den Bosporus und Saarbrücken führt sein Weg im Januar 1996 zur Hertha, mit der Götz eineinhalb Jahre später den Aufstieg in die Bundesliga feiert. Im Alter von 35 Jahren beendet er seine Spielerkarriere, „weil der Körper mehr Respekt einforderte.“ Götz macht Trainerscheine, übernimmt zunächst die U23 von Hertha, ehe er 1997 Nachwuchsleiter wird. Im Berliner Fußball begegnet er plötzlich wieder Menschen, von denen er nach Einsicht in seine Stasi-Akte weiß, dass sie ihn früher bespitzelt hatten. „Ich wusste, wie ich mit ihnen umzugehen hatte. Das hat mir im Alltag geholfen.“ Im Februar 2002 übernimmt Götz als Trainer interimsweise für 13 Spiele die Hertha-Profis und führt sie in den UEFA-Pokal. Da Stevens schon als neuer Trainer für die folgende Saison feststeht, geht Götz zu 1860 München, kehrt im Sommer 2004 aber als Cheftrainer zurück zur Alten Dame. Drei erfolgreiche Jahre folgen, in denen Götz unter anderem den Boateng-Brüdern zu ihren Bundesliga-Debüts verhilft. 

Weitere Trainerstationen in Kiel, Aue, Saarbrücken und Vietnam schließen sich an. Mittlerweile arbeitet Götz in der Direktion Sport bei Leverkusen. Die Geschehnisse beim FC verfolgt er „wöchentlich, fast täglich.“ „Ich muss ja wissen, was beim Nachbarn so läuft.“ Seinem ehemaligen Club wünscht er nur das Beste. „Ich würde mich sehr freuen, wenn der FC in der Bundesliga bleibt.“

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PL.VereinPkt.
13FC Augsburg23
141. FC Köln21
15Hertha BSC18

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