Profis | 15.12.2020

Aus dem GeißbockEcho

Hüben wie Drüben: Andrej Voronin

Als Jugendlicher wagt Andrej Voronin den Schritt aus seiner ukrainischen Heimat nach Deutschland, um Fußballprofi zu werden. Seinen Durchbruch in der Bundesliga schafft er beim 1. FC Köln, seine erfolgreichste Zeit als Sportler erlebt er in Leverkusen. Im Gespräch erinnert sich der Mittelstürmer an die Jahre im Rheinland zurück.

Sein langes Haar wehte dem Blondschopf ins Gesicht. Die kurzen Absätze seiner Stiefel aus Krokodilleder klackerten bei jedem Schritt über den Asphalt. Seine Kleidung fiel auf durch farbenfrohe Motivvielfalt, meist umhüllt von ausgefallenen Mänteln. Wenn Andrej Voronin zwischen 2003 und 2007 auf den Straßen Kölns flanierte, verblassten um ihn herum die Passanten. Ähnlich erging es etlichen Verteidigern in der Bundesliga, wenn sie erfolglos versuchten, den Stürmer aus der Ukraine zu stoppen. Voronin war auf dem Fußballplatz ein Arbeiter, ein Kämpfer mit unbändigem Siegeswillen, der keinen Ball verloren gab und vor dem gegnerischen Tor ohne Zögern abschloss. Er fiel halt auf. Doch es gab auch eine Zeit, in der er lieber unbekannt geblieben wäre in Köln. 

Andrej Voronin wächst in Odessa auf, einer Hafenstadt an der Schwarzmeerküste im Süden der Ukraine. Nach dem Zerfall der Sowjetunion in den frühen neunziger Jahren ist das Land wirtschaftlich schwer getroffen. Es ist eine Zeit des Umbruchs, ein wenig chaotisch und anarchisch, aber zugleich für viele Menschen befreiend. „Es gab viele Probleme in der Ukraine, im Fußball sowieso. Es kamen nicht viele Zuschauer zu den Spielen“, erinnert sich Voronin, der in der Jugend bei Chernomorets Odessa spielt und im Alter von 16 Jahren ein Angebot von Borussia Mönchengladbach erhält. Voronin selbst zögert zunächst, aber sein Vater entscheidet, dass er nach Deutschland gehen soll. „Papa hatte immer den Traum, dass ich Profifußballer werde.“ Als Jugendlicher verlässt Voronin 1995 Familie und Freunde, um am Gladbacher Bökelberg den Sprung in die Bundesliga zu schaffen.

Als „kleiner Junge“ nach Gladbach

„Aber ich war noch ein kleiner Junge und plötzlich weg von zu Hause, in einem fremden Land“, sagt Voronin, der damals kein Wort Deutsch spricht. „Mama und Papa sind in Odessa geblieben, ich war ganz auf mich allein gestellt. Es war eine harte Zeit, in der ich einige Male daran dachte, aufzugeben.“ Doch das Stürmertalent beißt sich durch. „Die ersten deutschen Wörter habe ich im Training relativ schnell gelernt. Nach drei oder vier Monaten habe ich das Wichtigste verstanden und konnte mich im Alltag halbwegs verständigen.“ In seiner Wohnung in Mönchengladbach läuft beinahe ununterbrochen der Fernseher. „Ich habe mir den ganzen Tag deutsche Videofilme angeschaut und Radio gehört. Dadurch habe ich die Sprache schnell gelernt.“

Am liebsten lässt Voronin aber ohnehin Taten sprechen – vor allem auf dem Fußballplatz. Sein Talent wird im Trikot der Borussia schnell deutlich, als 18-Jähriger debütiert er für die Fohlen in der Bundesliga. Siebenmal kommt er in der Saison 1997/98 zum Einsatz und erzielt einen Treffer. Doch dann muss Voronin ein tiefes Tal durchschreiten, ein Kreuzbandriss setzt ihn lange außer Gefecht und die Borussia steigt in die 2. Bundesliga ab. In der Spielzeit 1999/2000 kommt er bei den Profis nur zweimal zum Einsatz, trifft in der Oberliga Nordrhein aber regelmäßig für die Zweite Mannschaft.

Nur Shevchenko war besser

Voronin will die Borussia nach der Jahrtausendwende unbedingt verlassen und wechselt zum 1. FSV Mainz 05. Am Bruchweg erzielt der Angreifer unter Trainer Jürgen Klopp in der Zweitligasaison 2002/03 20 Tore, wird ukrainischer Nationalspieler und in seinem Heimatland hinter Stürmerstar Andriy Shevchenko Zweiter bei der Wahl zum Fußballer des Jahres. Es flattern zahlreiche Angebote etablierter Erstligisten aus dem In- und Ausland ein, doch Voronin entscheidet sich für einen Wechsel zum 1. FC Köln, der im Sommer 2003 in die Bundesliga zurückkehrt. „Für mich war wichtig, mich endlich in der Bundesliga zu etablieren und auf möglichst viele Einsatzzeiten zu kommen. Der FC war als Aufsteiger und Traditionsverein mit seinen treuen Fans eine gute Adresse.“

Bereits in der Saisonvorbereitung deutet Voronin mit dem Geißbock auf der Brust im Testspiel gegen den FC Liverpool sein Können an. Zwar erzielt er kein Tor und der FC verliert mit 1:3, doch der Neuzugang kombiniert in der Offensive ein ums andere Mal gefällig mit seinen neuen Mannschaftskollegen Marius Ebbers und Dirk Lottner. Das bleibt dem damaligen Trainer von Liverpool, Gerard Houllier, nicht verborgen. „Stürmer von dieser Klasse gibt es nicht viele“, lobt der Franzose nach der Partie die Fähigkeiten Voronins. „Er ist unglaublich schnell, technisch stark und torgefährlich.“

„Glücklich, für den FC zu spielen“

Am ersten Spieltag der Bundesliga-Saison 2003/04 tritt der FC ausgerechnet bei Voronins ehemaligem Verein Borussia Mönchengladbach an. Der FC ist im zum Bersten vollen Stadion am Bökelberg überlegen, trifft aber das Tor nicht. Zu allem Überfluss verliert der FC das Derby durch ein Eigentor von Matthias Scherz. „Wir haben in den ersten Spielen der Saison häufig gut gespielt, aber nicht die nötigen Punkte geholt. Mit der Zeit wurde es dann immer schwieriger, weil das Selbstvertrauen verloren ging“, erinnert sich Voronin.

Der FC steckt von Beginn an im Abstiegskampf, belegt ab dem 21. Spieltag durchgängig den 18. Tabellenplatz und steigt mit nur 23 Punkten ab. Voronin, der stets in der Startelf steht, wenn er einsatzfähig ist, erzielt in 19 Partien vier Treffer. „Ich war glücklich, für den FC zu spielen, doch leider ist die Spielzeit nicht so gelaufen, wie sich das Mannschaft und Fans erhofft hatten.“ In den letzten zweieinhalb Monaten der Saison fehlt Voronin wegen einer Knieverletzung. „Das war schade. Ich hätte gerne dabei geholfen, den Abstieg noch abzuwenden.“

Leverkusens Manager Rainer Calmund bekommt während der Rückrunde Wind davon, dass Voronins Vertrag beim FC nur in der Bundesliga gültig ist und überzeugt den Ukrainer letztlich davon, im Falle des FC-Abstiegs zu Bayer 04 zu wechseln. „Ich habe einen Vorvertrag bei Leverkusen unterschrieben, aber natürlich bis zum Ende gehofft, dass der FC den Klassenerhalt schafft“, sagt Voronin, dessen Vereinbarung mit Leverkusen noch während der Spielzeit an die Öffentlichkeit gelangt. „Ich weiß nicht, wer dafür verantwortlich war, aber die letzten Wochen beim FC wurden echt ungemütlich für mich.“ Voronin erhält wütende Fan-Briefe und wird auf der Straße von erbosten Anhängern beleidigt. „Da habe ich gespürt, wie groß die Rivalität zwischen dem FC und Leverkusen wirklich ist.“

Champions League mit Leverkusen

Sportlich zahlt sich der Wechsel nach Leverkusen jedenfalls aus. Anstatt in der 2. Bundesliga zu spielen, trifft er in der Saison 2004/05 in der Champions League auf Real Madrid und den FC Liverpool. Dabei muss Voronin in den ersten Wochen auf der Bank Platz nehmen. Zu gut harmonieren im Bayer-Sturm Dimitar Berbatov und der Brasilianer Franca, die mit fußballerischer Eleganz Leverkusens Anhänger verzaubern und den FC Bayern jeweils mit einem Doppelpack am dritten Spieltag mit 4:1 zerlegen. „Mir war klar, dass ich als dritter Stürmer in die Saison gehe. Ich habe in Leverkusen mit vielen Nationalspielern zusammengespielt, war selbst aber noch relativ unerfahren“, sagt Voronin. Er erkämpft sich im Verlauf der Hinrunde einen Stammplatz. Mit 15 Saisontreffern trägt er maßgeblich dazu bei, dass die Werkself sich für den UEFA-Pokal qualifiziert. Insgesamt sammelt Voronin während der drei Jahre bei Leverkusen in 119 Pflichtpartien 58 Scorerpunkte. Bei der WM 2006 erreicht er mit der ukrainischen Nationalmannschaft das Viertelfinale. Es ist bis heute der größte Erfolg in der Fußballgeschichte des Landes.

Nach seiner Zeit in Leverkusen spielt Voronin noch für den FC Liverpool, Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf, ehe er im Juli 2014 beim russischen Erstligisten Dynamo Moskau seine aktive Karriere beendet. Im Anschluss lässt er sich mit seiner Frau Yulia und seinen zwei Kindern in Meerbusch nieder. Ab Januar 2017 trainiert er für ein halbes Jahr den FC Büderich in der Bezirksliga. Sein Sohn kickt damals in der E-Jugend des Vereins. Seit Mitte Oktober ist Voronin wieder in Moskau und arbeitet bei Dynamo als Assistent an der Seite von Cheftrainer Sandro Schwarz, mit dem er einst in Mainz zusammenspielte. „Der Job macht Spaß, ich muss aber deutlich mehr Zeit aufbringen als es als Fußballspieler der Fall war.“

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
13FC Augsburg23
141. FC Köln21
15Hertha BSC18

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