Profis | 04.12.2020

Aus dem GeißbockEcho

Hüben wie drüben: Pablo Thiam

Pablo Thiam kommt als Dreijähriger aus Guinea nach Köln. Zunächst ist es sein Wunsch, später Arzt zu werden. Doch dann entdeckt ihn der FC, für den er 1994 in der Bundesliga debütiert und insgesamt neun Jahre spielt. Seine Spielerkarriere beendet Thiam beim VfL Wolfsburg, für den er noch heute als Nachwuchsleiter tätig ist. Im Gespräch erinnert er sich an seinen größten Förderer, die Zeit in beiden Clubs – und ein Sturmduo beim FC, das ihn vor eine unlösbare Aufgabe stellte.

Im Herbst 1989 sitzt der 15-jährige Pablo gemeinsam mit seinen Eltern zu Hause in Bonn im Wohnzimmer auf dem Sofa. Frank Schaefer ist zu Besuch. Der damalige B-Jugendtrainer des 1. FC Köln erfährt, dass Familie Thiam nach knapp 13 Jahren Deutschland verlassen muss. Pablo ist geknickt. Sollte sein Traum von einer Karriere als Profifußballer jäh platzen? Er war doch erst wenige Wochen zuvor zum FC gewechselt, hatte unlängst seine ersten Spiele für die U17 absolviert. „Meine Eltern sorgten sich, ob sie mich wirklich allein in Deutschland zurücklassen können“, erinnert sich Pablo Thiam an jenen Tag, an dem sein sportlicher Förderer Frank Schaefer den Eltern etwas verspricht. „Er gab ihnen sein Wort, dass sie sich keine Sorgen machen müssten und er sich um mich kümmern würde", erzählt Thiam. „Und das hat Frank dann auch wirklich gemacht.“

Pablo Thiam wurde 1974 in Guinea geboren. Im Alter von drei Jahren kommt er mit seiner Familie nach Deutschland. Sein Vater arbeitet als Diplomat und wird nach Bonn versetzt. Als Kind ist das Fußballspielen für Pablo Thiam eine große Leidenschaft, aber nicht mehr als ein Hobby. Mit neun Jahren beginnt er, beim MSV Bonn zu kicken. Gedanken darüber, eines Tages als Profifußballer sein Geld zu verdienen, macht sich Thiam keine.  

Er ist gut in der Schule und besucht das belgische Gymnasium in Rösrath bei Köln, wo er unter der Woche im Internat wohnt. Thiam träumt davon, später einmal Arzt zu werden. „Ich wollte Medizin studieren, um Menschen in ärmeren Ländern zu helfen", erklärt er. Sein Wunsch, Fußballprofi zu werden, reift in ihm erst im Alter von 15 Jahren, als Schaefer ihn entdeckt und zum 1. FC Köln holt. Da Thiams Eltern nach Brüssel ziehen, wohnt er am Wochenende im Jugendhaus des FC in Hürth-Efferen, das von Familie Ostmann geführt wird. Seine wichtigsten Ansprechpartner sind Frank Schaefer und Co-Trainer Martin Siegbert. „Frank war er immer ein ehrlicher Ratgeber. Das, was er sagte, musste mir nicht immer gefallen. Aber er war stets ehrlich. Ich schätze ihn sehr."

Bundesliga statt Medizinstudium

Unter Schaefer mausert sich Thiam in der FC-U17 zum Stammspieler und wird 1990 in seiner ersten Saison beim FC Deutscher B-Junioren-Meister. Thiam spielt im Angriff, ist lauffreudig und flink. In der U19 stürmt er gemeinsam mit Carsten Jancker. Im Sommer 1992 macht er sein Abitur. Ihm stehen viele Türen offen. Ein Medizinstudium beginnen, alles auf die Karte Fußball setzen? Thiam wägt Vor- und Nachteile ab – und trifft letztlich eine Vereinbarung mit seinem Vater. „Wir verständigten uns darauf, dass ich an die Uni gehe, wenn ich in den ersten drei Jahren im Herrenbereich kein Bundesligaspiel mache."

Fast zweieinhalb Jahre vergehen, in denen Thiam nur für die FC-Amateure aufläuft. In der Spielzeit 1994/95 gehört er zwar zum Profikader, doch das FC-Eigengewächs darf in den ersten elf Saisonspielen nicht einmal auf der Ersatzbank Platz nehmen. Cheftrainer Morten Olsen sucht das Gespräch mit Thiam, erklärt ihm, dass er sich in der Bundesliga als Stürmer wohl nicht durchsetzen würde. „Mir fehlten im Männerbereich ein wenig das Durchsetzungsvermögen und der Torinstinkt“, gibt Thiam zu, dessen große Einsatzfreude Olsen aber imponiert. 

Am 5. November 1994 steht Thiam im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach in der Startelf. Tags zuvor versammelt sich die Mannschaft zur Besprechung am Geißbockheim, bevor es für die Nacht vor dem Derby ins Hotel geht. „Ich hatte vor der Abfahrt nicht einmal meine Sachen dabei, weil ich nicht damit gerechnet hatte, überhaupt mitzufahren.“ Als Thiam den Besprechungssaal betritt, liest er auf dem Flipchart seinen Namen. „Ich habe einen Schweißausbruch bekommen.“ Die Stammspieler Alfons Higl und Olaf Janßen fehlen verletzt und gesperrt, sodass Olsen auf Thiam zurückgreift. „Kannst du in der Abwehr spielen?“, fragt der Trainer. „Ich spiele alles“, antwortet Thiam, der seine Chance bravourös nutzt, obwohl der FC mit 1:3 verliert. „Damit war das Thema Studium ad acta gelegt.“ 

Um sich in seiner neuen Rolle als Defensivspieler besser zurechtzufinden, schiebt Thiam etliche Extraschichten. „Man kann sich das heute kaum vorstellen, aber Herr Olsen schickte nach dem Training mal alle Spieler rein, sagte zu mir aber, dass wir noch draußen bleiben und lange Bälle üben. Er mit mir allein – bis zum Abwinken“, erinnert sich Thiam, dessen Fleiß sich auszahlt.

„Visier das zweite Stangerl an – ich bin dann da“

Fortan ist Thiam aus der Startelf nicht mehr wegzudenken. Als Rechtsverteidiger soll er mit seinen Flanken das Sturmduo Bruno Labbadia und Toni Polster füttern. „Vor jeder Partie kam erst Bruno zu mir und sagte: `Pablo, wenn du rechts durch bist und flanken kannst – immer auf den kurzen Pfosten. Ich bin dann da´.“ Keine zwei Minuten später baute sich dann Polster vor Thiam auf und forderte mit österreichischem Dialekt: „Pablo, wenn du rechts durch bist und flankst – visier das zweite Stangerl hoch an.“ „Sobald ich geflankt hatte, habe ich mich umgedreht und bin wieder zurückgelaufen. Ich wusste, dass mich nach jeder Flanke einer von beiden anscheißen würde“, erzählt Thiam lachend.

Am 1. April 1995 erzielt er dann selbst seinen ersten Bundesligatreffer. Beim 3:1-Erfolg gegen den FC Bayern vor 55.000 Zuschauern im Müngersdorfer Stadion trifft das FC-Eigengewächs mit einem brachialen Schuss aus 15 Metern. Der FC beendet die Saison als Zehnter. In der darauffolgenden Spielzeit wird Olsen bereits vor dem ersten Bundesliga-Spieltag entlassen, weil der FC in der ersten Pokalrunde gegen den Oberligisten SpVg Beckum ausscheidet. Es übernehmen Stephan Engels und später Peter Neururer, der den FC am letzten Spieltag vor dem Abstieg rettet. Holger Gaißmayer erzielt in der Partie bei Hansa Rostock nach traumhaftem Pass von Thiam in der 72. Minute das erlösende 1:0. Wenig später wird Thiam im GeißbockEcho mit der Aussage zitiert: „Man kann nicht sicher sein, immer ein solches Glück wie in Rostock zu haben.“ Ob er eine Vorahnung hat?

Abstiegsdrama nach Handspiel

Im drittletzten Spiel der Saison 1997/98 hat der FC auf Schalke die große Möglichkeit, sich im Abstiegskampf Luft zu verschaffen. Es läuft die 80. Minute beim Stand von 0:0, als René Tretschock per Direktabnahme aufs Schalker Tor schießt. Jens Lehmann schaut dem Ball machtlos hinterher, doch auf der Linie lenkt Schalkes Mittelfeldspieler Oliver Held mit der Hand das Leder über die Latte. Der Elfmeterpfiff bleibt aus. Die FC-Spieler protestieren lautstark. Schiedsrichter Uwe Kemmling befragt Held, der fälschlicherweise angibt, den Ball mit dem Kopf geklärt zu haben. Zu allem Überfluss gewinnt Schalke durch ein Tor in letzter Minute mit 1:0. Da der FC auch die abschließenden Spiele in Bielefeld und gegen Leverkusen nicht gewinnt, ist der erste Abstieg der Vereinsgeschichte besiegelt. „Mit Videobeweis wären wir in der Liga geblieben“, sagt Thiam.

Für die Zweitligasaison wird Bernd Schuster als Trainer am Geißbockheim vorgestellt. Die Mannschaft wird mit der Information in den Urlaub entlassen, Schuster würde sich bei jedem Spieler melden. „Ich habe aber nie einen Anruf erhalten“, erzählt Thiam, der deshalb zum VfB Stuttgart wechselt und weiter Bundesliga spielt. Nach drei Jahren beim VfB und eineinhalb Jahren beim FC Bayern, für den er sporadisch zum Einsatz kommt, folgt im Januar 2003 trotz anderer Angebote der Wechsel zum VfL Wolfsburg. „Wolfsburg stand bei mir auf der Liste eigentlich an letzter Stelle“, beichtet Thiam. Sein guter Freund Patrick Weiser, der damals für den VfL spielt, überzeugt ihn jedoch. „Ich habe mir dann in Wolfsburg alles angeguckt, auch das neue Stadion, das erst kurz zuvor eröffnet worden war. Danach habe ich zu meiner Frau gesagt, dass ich beim VfL ein gutes Gefühl habe.“

Seit 18 Jahren beim VfL Wolfsburg

Sein Gefühl sollte Thiam nicht trügen. In Wolfsburg ist er im defensiven Mittelfeld drei Spielzeiten lang unangefochtener Stammspieler und Vizekapitän. Als in der Saison 2005/06 Klaus Augenthaler das Traineramt in der Autostadt übernimmt, findet sich Thiam aber plötzlich auf der Bank wieder, obwohl er gerade erst seinen Vertrag um vier Jahre verlängert hatte. „Mit Augenthaler hat es einfach nicht gepasst. Das war keine schöne Zeit, aber ich habe mir nichts anmerken lassen und weiter hart trainiert.“ Da die Wolfsburger unter Augenthaler in der Spielzeit 2006/07 nur knapp dem Abstieg entkommen, wird anschließend Felix Magath neuer Übungsleiter, Manager und Geschäftsführer. Unter Quälix setzt sich Thiam wieder durch, ist auf und neben dem Platz eine wichtige Stütze für das Team, das sich 2008 als Tabellenfünfter für den UEFA-Pokal qualifiziert. Danach beendet Thiam seine aktive Karriere und unterstützt Felix Magath in dessen Tätigkeit als Sportdirektor während der Wolfsburger Meistersaison 2008/09. Mit 311 Spielen ist Thiam der afrikanische Spieler mit den meisten Bundesliga-Einsätzen.

Mittlerweile ist er seit 18 Jahren für den VfL Wolfsburg tätig. Als Leiter des Nachwuchsbereichs der Wölfe kennt Thiam auch Elvis Rexhbecaj und Jannes Horn, die beim VfL zu Profis wurden. „Jannes war Junioren-Nationalspieler, ein menschlich guter Junge mit viel Potenzial. Sein Weg in den Profibereich war früh vorgezeichnet“, erzählt Thiam. „Bei Elvis war erst sogar unklar, ob wir ihn überhaupt in die U23 übernehmen. Er war in der Jugend kein unangefochtener Stammspieler. Aber sein unbändiger Wille, jeden Tag Gas zu geben und ohne Murren alles hinzunehmen, haben ihn dahin gebracht, wo er heute ist. Er ist bodenständig und immer höflich, einer meiner Lieblingsspieler.“ Auch deshalb fiebert Thiam bis heute mit dem FC – falls es nicht gerade gegen Wolfsburg geht. „So ein Verein wie der FC muss in der Bundesliga spielen. Ich drücke dem Club die Daumen. Es gibt kaum eine fußballverrücktere Stadt als Köln.“

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PL.VereinPkt.
13FC Augsburg23
141. FC Köln21
15Hertha BSC18

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