Profis | 30.09.2021

Hüben wie drüben

Mavraj: „Einmal kann jeder“

Als einziger Spieler stieg Mergim Mavraj mit dem Kleeblatt zweimal auf. Er war Kapitän und Führungsspieler, seinen Platz in Fürths Geschichtsbüchern hat er sicher. Beim 1. FC Köln erlebte der albanische Nationalspieler den sportlichen Aufstieg unter Peter Stöger, der aus der zweiten Liga bis in den Europapokal führte. Im Gespräch blickt der mittlerweile 35-jährige Mavraj auf seine Zeit in beiden Vereinen zurück, spricht über Gerald Asamoahs Singlebörse in Fürth – und seine Vorteile als Diplomat.

Mergim Mavraj sitzt in der Kabine und zieht seine Fußballschuhe aus. Hinter ihm, Rücken an Rücken, sitzt Mitspieler Sercan Sararer. Zwei Stunden Training liegen hinter ihnen. Sie spielen für Türkgücü München, einen ambitionierten Drittligisten. Es ist das Jahr 2021, ein Dienstag im September. Für Mavraj und Sararer aber fühlt es sich ein bisschen so an wie vor neun Jahren. Damals, im Jahr 2012, sind sie ebenfalls Mannschaftskollegen. Bei Greuther Fürth. In der Bundesliga. „Wir erinnern uns immer noch gerne an die Zeit in Fürth zurück. Wir waren jung und unbeschwert", sagt Mavraj. „Unglaublich, dass ich Sercan jetzt wieder um mich herumhabe. Er war in Fürth der größte Spaßvogel und lag mir am meisten am Herzen.“

In der Winterpause der Saison 2010/11 wechselt Mavraj vom VfL Bochum zu Zweitligist Greuther Fürth. Der 1,89 Meter große Innenverteidiger wird auf Anhieb Stammspieler. Fürth beendet die Saison als Vierter. Der Aufstieg wird knapp verpasst. Mal wieder. Bereits in den Jahren zuvor verfehlten die Fürther ihr Ziel mehrfach knapp. Doch in der Zweitligasaison 2011/12 sollte der Weg dann nach jahrzehntelanger Sehnsucht endlich in die höchste deutsche Spielklasse führen. „Wir hatten eine unfassbar homogene Mannschaft“, erinnert sich Mavraj. „Das Team bestand aus lauter Spaßvögeln. Wir haben uns einfach keinen großen Kopf gemacht.“

Einer der Spaßmacher ist Mitspieler Gerald Asamoah, der sich eines Tages in der Kabine als Amor versucht. Allen Singles in der Mannschaft bietet er an, sich per Videobotschaft für die Frauenwelt interessant zu machen. Zu Mergim Mavraj soll er spaßeshalber gesagt haben: „Du bist Single. Wie machst du das? Ein Mann hat doch schließlich Bedürfnisse.“ Mavraj beteuert, „Asas“ Angebot nie genutzt zu haben. „Niemals habe ich Gerald Asamoah für die Partnersuche gebraucht. Niemals“, sagt er lachend.

„Peter war ein Menschenfänger“

In der Bundesliga-Saison 2012/13 wird Mavraj von seinen Teamkollegen zum Kapitän gewählt. Der Innenverteidiger geht auf dem Platz keinem Zweikampf aus dem Weg, dirigiert, motiviert und trifft – wenn es sein muss – auch selbst. Doch den schwachen Saisonstart kann er nicht verhindern. In der ersten DFB-Pokalrunde scheiden die Fürther beim Drittligisten Kickers Offenbach aus. In der Liga verlieren sie oft nur knapp oder spielen Unentschieden. Als Tabellenletzter mit nur einem Sieg gehen sie in die Winterpause. „Es lag nicht an unserer individuellen Qualität, wenn man sich die Spieler von damals anschaut. Johannes Geis, Edgar Prib, Felix Klaus. Die haben ja alle danach weiter Bundesliga gespielt“, sagt Mavraj. „Wir haben häufig gut gespielt, aber hin und wieder ein bisschen Lehrgeld bezahlt.“

Vielleicht war es auch der Fluch der guten Tat. Mittelstürmer Olivier Occean, Fürths Top-Scorer in der Aufstiegssaison, war zu Eintracht Frankfurt gewechselt. „Wir sind ohne adäquaten Ersatz in die Bundesliga-Saison gegangen.“ Als Schlusslicht mit nur 21 Zählern steigt Fürth direkt wieder ab. Zahlreiche Leistungsträger verlassen den Verein. Mavraj liegt im Sommer 2013 ein Angebot von Lazio Rom vor. „Ich wollte weg, durfte aber nicht“, gibt er zu. „Fürth wollte nicht, dass die komplette Achse wegbricht. Ich war der Anker, der nach dem Abstieg bleiben und mithelfen sollte, direkt wieder aufzusteigen.“

In der Zweitligasaison 2013/14 werden die Fürther Dritter. In der Relegation verpassen sie gegen den Hamburger SV nach einem 0:0 auswärts und einem 1:1 zu Hause nur aufgrund der Auswärtstorregel den Wiederaufstieg. Mavrajs Vertrag in Fürth läuft aus. Er wechselt zum 1. FC Köln, der unter Trainer Peter Stöger in die Bundesliga zurückgekehrt war. „Peter war ein Menschenfänger mit seiner unkomplizierten und ehrlichen Art. Da fiel die Entscheidung leicht.“

Mavraj besitzt einen Diplomatenpass

In seiner ersten Saison beim FC ist Mavraj kein unangefochtener Stammspieler. Er, Maroh und Wimmer rotieren. Den Klassenerhalt macht der FC frühzeitig perfekt. In der Saison 2015/16 fällt Mavraj die komplette Hinrunde wegen eines Knorpelschadens aus, erkämpft sich dann in der Rückrunde aber endgültig einen Stammplatz. Der FC etabliert sich in der Bundesliga und wird Neunter. „Unsere größte Stärke war der Zusammenhalt. Jeder, egal ob Stamm- oder Einwechselspieler, wollte für den Trainer alles geben“, sagt Mavraj. „Wir haben uns alle gute verstanden. Es war so friedlich.“

Die Harmonie in der Mannschaft ist Trumpf. „Wir hatten einen Marcel Risse im Team, der war einfach lustig anzusehen“, sagt Mavraj lachend. „Oder Adam Matuschyk – die Kölner Legende. Der hat nicht häufig gespielt. Ich dachte mir nur: ‚Adam, was findest du eigentlich so geil hier?‘ Aber er wollte unbedingt bleiben. Wenn man Adam gesagt hat, es gibt in Köln keine gescheite Eisdiele, dann ist er dir um den Hals gesprungen. Oder Timo Horn. Das war eine gute Mischung. Wir hatten die Kölner Jungs – und wir hatten ein paar positiv bekloppte Idioten, so wie mich.“ Ein besonders inniges Verhältnis baut Mavraj zum damals 18-jährigen Salih Özcan auf. „Das ist bis heute dieselbe Bindung. Mittlerweile ist er auch erwachsen, aber wir sind Brüder geblieben. Das wird sich nicht mehr ändern.“

Nicht nur im FC-Trikot, auch mit der albanischen Nationalmannschaft feiert Mavraj Erfolge. Im Sommer 2016 nimmt Albanien erstmals an einer Europameisterschaft teil. Trotz des Ausscheidens in der Gruppenphase schreibt die Mannschaft durch einen 1:0-Sieg über Rumänien Geschichte. „Noch bevor wir geduscht haben, haben wir mit dem Staatspräsidenten telefoniert. Alle Spieler haben noch in der Nacht einen Diplomatenpass bekommen.“ Der Pass ist 15 Jahre gültig. „Wenn ich in Deutschland angehalten werden sollte und den Pass zeigen würde, dürfte ich weiterfahren. Mir darf in Deutschland nicht der Prozess gemacht werden.“

„In Köln zu spielen, ist etwas Geiles“

Nach der Europameisterschaft folgt mit dem FC in der Saison 2016/17 die sportlich erfolgreichste Zeit. Mavraj verpasst in der Hinrunde keine einzige Minute, der FC geht als Siebter in die Winterpause. Da sein Dreijahresvertrag zum Saisonende ausläuft, laufen mit dem FC Verhandlungen. „Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass der Verein mich unbedingt halten wollte. Eher schien es so, als würden sie für mich noch Ablöse bekommen wollen. Ich war schon 31.“ Der akut abstiegsbedrohte Hamburger SV verpflichtet den Innenverteidiger im Winter. „Ich habe in Hamburg einen sehr guten Vertrag unterschrieben. So gesehen war es ein guter Transfer für alle Seiten. Auch, weil wir mit dem HSV noch den Klassenerhalt geschafft haben.“ 

Wehmut verspürt Mavraj nicht, als der FC einige Monate später den Einzug in den Europapokal perfekt macht. „Ehrlich gesagt war mein Kopf in dem Moment leer. Wir haben mit dem HSV erst am letzten Spieltag die Klasse erhalten. Das war so ein Terror für den Kopf. So ein Stress. Mein Blick reichte nicht bis nach Köln.“ 

Wehmütig war Mavraj lediglich einige Monate zuvor, als er mit dem HSV erstmals auf den FC traf – im DFB-Pokal. „Wir haben auch noch gewonnen. Da war ich wehmütig. Oh Gott, oh Gott. Da habe ich mich richtig scheiße gefühlt.“ Die Zeit in Köln bleibt Mavraj für immer in guter Erinnerung. „Es ist unfassbar außergewöhnlich, in Köln zu spielen. Wenn es für den Gegner schon ein Highlight ist, in Köln zu spielen, dann weißt du ganz genau, dass es etwas Geiles ist. Und das war es für mich auch. Die FC-Hymne höre ich immer noch gerne.“

„Darum musste es eben zweimal sein“

Über den HSV, Aris Thessaloniki und den FC Ingolstadt führt Mavrajs Weg im Sommer 2019 zurück nach Fürth. „Ich sollte in einer jungen Mannschaft meine Erfahrung einbringen und war nicht gekommen, um irgendwo im Mittelfeld der Tabelle herumzuschwimmen.“ Gesagt. Getan. Als einziger Spieler steigt Mavraj in der Saison 2020/21 zum zweiten Mal mit den Fürthern auf. „Einmal kann jeder – darum musste es eben zweimal sein.“ Trotzdem verlässt Mavraj die Kleeblätter. „Obwohl der Trainer bei der Beurteilung meiner Person falsch lag, traue ich der Mannschaft den Klassenerhalt zu.“

Seit dieser Saison spielt Marvraj für Türkgücü München, den FC verfolgt er noch. „Ich sitze nicht jedes Wochenende vor der Glotze, aber wenn ich nur ein Interview von Steffen Baumgart höre, nur ein Interview eines FC-Spielers, dann merke ich, dass in dem Verein etwas wachgerüttelt wurde. Die Mannschaft wird sich deutlich besser platzieren als vergangene Saison.“

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
8VfL Wolfsburg20
91. FC Köln19
10VfL Bochum 184819

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