Profis | 19.02.2021

Porträt im GeißbockEcho

Elvis Rexhbecaj: Entscheidungen von Tragweite

Elvis Rexhbecaj ist bis zum Saisonende vom VfL Wolfsburg an den 1. FC Köln ausgeliehen. Nicht erst seit dem Derbysieg steht fest, dass es eine gute Entscheidung für beide Seiten war, diesen Schritt zu wagen. Der Blick auf das Leben des 23-Jährigen lenkt den Fokus jedoch schnell auf viel größere Wagnisse, die Familie Rexhbecaj in der Vergangenheit bereits eingegangen ist. Ein besonderer und im Profifußball außer­gewöhnlicher Werdegang – ungeachtet der Frage, was im Sommer passiert.

Manche Ereignisse benötigen einen gewissen zeitlichen Abstand, bis man die Tragweite dessen begreift, was einem gelungen ist. So ergeht es auch Elvis Rexhbecaj nach seinen zwei Treffern zum Derbysieg in Gladbach. „Danach ist mein Handy förmlich explodiert. Über alle Kanäle habe ich unfassbar viele Nachrichten bekommen. Mir haben sofort alle geschrieben, dass ich damit auf ewig in den FC-Geschichtsbüchern stehen werde. Aber ich habe erst mal etwas gebraucht, um zu realisieren, was da passiert ist.“ Diese Zeit bekam der Doppeltorschütze bereits unmittelbar nach Abpfiff und verpasste somit, was in den Katakomben nach Spielschluss abging. „Leider musste ich nach dem Spiel draußen warten, weil ich so viele Interviews geben musste. Deswegen habe ich den Großteil der Kabinenparty verpasst. Aber das gehört dann eben dazu“, sagt Elvis Rexhbecaj mit einem breiten Grinsen.

Dieses breite Grinsen war es, was viele Fans auf dem Jubelfoto aus der Kabine in Gladbach vermisst haben. Ein Foto, das auf den Social-Media-Kanälen des FC zu den erfolgreichsten Posts der ­Vereinsgeschichte gehört – nachvollziehbar –, aber eben leider ohne den Matchwinner, der fleißig Interviews gab. In seinem 60. Bundes­ligaspiel erzielte Elvis Rexhbecaj seinen ersten Doppelpack. Zudem rückte er mit jetzt fünf Saisontoren auf Platz eins der FC-­Torjägerliste. Eine Momentaufnahme, die für den Mittelfeldmann nicht von Relevanz ist. „Ich sehe mich jetzt nicht als Torjäger (lacht). Aber ich komme derzeit häufiger in die Position, wo man zu Torabschlüssen kommen kann. Dann gehört natürlich immer ein wenig Glück dazu, aber das Glück muss man sich eben auch erarbeiten. Grundsätzlich schaue ich aber nicht auf Statistiken, weil am Ende eh nur zählt, dass die Mannschaft gewinnt. Klar, ist das schön, wenn man aufgrund guter Werte gelobt wird, aber Punkte für die Tabelle bekommt man dadurch nicht.“ Und bereits eine Woche nach dem vielumjubelten Derbysieg kamen leider keine weiteren wichtigen Punkte auf das Konto dazu. „Frankfurt hatte mehr vom Spiel und das Ergebnis geht unterm Strich in Ordnung. Sicher hätten wir unsere Kontersituationen besser ­ausspielen können, um Chancen zu kreieren. Aber Frankfurt hat es auch gut gemacht und uns nicht ins Spiel kommen lassen.“

Elvis Rexhbecaj fällt es leicht, die aktuellen Geschehnisse einzuordnen. Trotz seiner erst 23 Jahre zeichnet ihn eine humorige und entspannte, aber auch abgeklärte und nüchterne Weitsicht aus. „Wir wussten, dass das Jahr schwer wird. Auch Teams, die derzeit wenige Punkte vor uns stehen, sind noch nicht gerettet. Das ­Positive in unserer Situation ist, dass wir es selbst in der Hand ­haben. Wir müssen nicht erst einen Rückstand aufholen, sondern schauen, dass wir punkten, um den Abstand zur Abstiegszone zu halten oder im Idealfall noch vergrößern.“

Flucht aus dem Kosovo
Gelassenheit und Optimismus zieht Elvis auch aus seinem ­familiären Hintergrund – genauso wie viel Kraft und Bodenhaftung. Dabei haben er und seine Familie schwere Zeiten durchlebt. Sie teilen das Schicksal vieler Menschen, die aufgrund von Kriegen und Konflikten gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, um sich und ihren Kindern in Deutschland eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Rexh und Naile Rexhbecaj, Elvis’ Eltern, treffen Ende der 1990er-Jahre im Kosovokrieg diesen schweren Entschluss und begeben sich mit dem zweijährigen Sohn Elvis und dem ein Jahr älteren Blendard auf den beschwerlichen Weg nach Deutschland. Zudem erwartet Mutter Naile ihr drittes Kind. Sie absolvieren ­lange und unwegsame Strecken zu Fuß und tragen ihre Kinder über die meiste Zeit. Elvis hat die Geschichte der Flucht seiner ­Eltern schon unzählige Male in Interviews erzählt, obwohl er ­keine eigene Erinnerung daran hat. Dafür ist er damals noch zu klein. Die häufig wiederkehrenden Fragen zum Schicksal seiner Familie fallen Elvis nicht zur Last. „Es nervt mich nicht, davon zu erzählen. Es ist Teil unserer Familiengeschichte und auch ein ­außergewöhnlich prägender Weg, aus dem wir viel Kraft ziehen. Ich kann mir vorstellen, dass Luka Modric oder Edin Dzeko auch oft auf ihre Herkunft und die Schicksale ihrer Familien ange­sprochen werden.“

Familie Rexhbecajs Flucht führt sie nach Brandenburg an der ­Havel, etwa 30 Kilometer westlich von Berlin. Beide Elternteile sprechen zunächst weder Deutsch noch Englisch. Entsprechend schwer ist es zu Beginn, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. Aber mit Fleiß und Zielstrebigkeit findet Vater Rexh Arbeit und die Kinder integrieren sich über den Kindergarten, die Schule und den Fußball. „Meine Eltern haben ihr Leben lang sehr hart dafür gearbeitet, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich möglichst viel zurückgebe.“ Aber auch das Vorhaben sollte für Elvis Rexhbecaj kein Selbst­läufer werden, ehe er den Durchbruch in den Profifußball schafft. In Brandenburg nimmt sein Vater viele unterschiedliche Jobs an, um die Familie zu ernähren. Mutter Naile kümmert sich um vier Kinder – in Deutschland sind Elvis’ Schwestern Tina und Dana zur Welt gekommen, die zwei beziehungsweise drei Jahre jünger sind als Elvis. „Obwohl mein Vater sehr viel für uns gearbeitet hat, war es ihm wichtig, uns alle möglichst oft zu sehen. Er ist beispielsweise nach der Arbeit auch noch zum Training gekommen.“

Trotz schwieriger Umstände hat der heranwachsende Elvis nie das Gefühl, arm zu sein. „Wir hatten eine sehr kleine Wohnung und eigentlich gar keinen Besitz. Aber das hat mich überhaupt nicht gestört – ganz im Gegenteil. Ich wäre gar nicht gerne anders aufgewachsen, beispielsweise mit vielen Computern oder in einem großen Haus. Ich weiß, dass es sehr schwer für meine Eltern war. Aber es hat uns an nichts gefehlt und wir Kinder konnten glücklich aufwachsen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich genau so wieder aufwachsen wollen. Ich war glücklich, dass ich jeden Tag zur Schule gehen konnte, dann mit Freunden auf den Fußballplatz. Zu Hause lebten wir eng beieinander. Ich fand das immer toll.“

Job für Vater Rexh
Sowohl Elvis als auch sein ein Jahr älterer Bruder beginnen früh mit dem Fußballspielen. Beim ortsansässigen Brandenburger SC Süd 05 macht vor allem der quirlige Elvis auf sich aufmerksam. So bleibt sein Talent auch den Nachwuchsleistungszentren der Proficlubs nicht verborgen. In Wolfsburg ist zur damaligen Zeit der Ex-Profi Jens Todt für das NLZ verantwortlich und hat das wichtigste Argument, warum sich Familie Rexhbecaj schließlich für den VfL Wolfsburg entscheidet. „Jens Todt hat sich wahnsinnig um mich und uns bemüht. Dabei weiß man ja im Alter von elf oder zwölf Jahren noch nicht, ob es am Ende reicht und wohin ­einen die fußballerische Reise einmal führen wird. Uns war ­wichtig, dass alle Rahmenbedingungen passen. Aber ebenso wichtig war, dass mein Vater Arbeit findet. Als Jens Todt und der VfL Wolfsburg ermöglicht haben, dass mein Vater als Platzwart anfangen kann, haben wir sofort zugesagt.“  
 
So zieht die sechsköpfige Familie nach Wolfsburg. Elvis und sein Bruder Blendard teilen sich seit früherster Kindheit ein Zimmer. Die räumliche Konstellation bleibt auch in Wolfsburg bestehen und ändert sich tatsächlich erst mit Elvis’ Wechsel nach Köln...

Das komplette Porträt von Elvis Rexhbecaj gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
16Hertha BSC26
171. FC Köln23
18FC Schalke 0413

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