Club | 20.06.2019

Lazios Team-Manager

Ich wor ne stolze Römer

FC-Fans gibt es überall – soweit, so bekannt. Dennoch überrascht es manchmal, wohin und in welche Position es einen FC-Fan verschlagen kann. Das Herz des Team-Managers eines der Top-Teams ­Italiens schlägt rut un wieß.

Es geht wenig über unser Geißbockheim, das so herrlich wie kaum eine andere Sport­anlage in Deutschland im Grün gelegen anzufinden ist. Sollten sie aber einmal Rom besuchen und die Chance haben, das Centro Sportivo di Formello im Norden der ewigen Stadt zu besuchen, dann machen sie das. Dort trainiert der italienische Top-Klub Lazio Rom.

Und schon auf den ersten Blick kann man gut verstehen, dass großartige Fußballer wie Thomas Doll oder Kalle Riedle in den 1990er-Jahren oder Miro Klose vor wenigen Jahren sich dort wohl gefühlt haben. Die Trainingsanlage Lazios hat etwas von einem feinen Hotel in Traumnatur: Pinien, Zypressen, eine beneidenswerte Ruhe als Kontrast zur 40 Minuten entfernten, vom ständigen Hupen durchdrungenen Hauptstadt Italiens. Top gepflegte Gebäude mit Aufenthalts- und Billardraum, Bar, Restaurant und Schlafräumen für die Spieler inklusive – ich kam aus dem Staunen kaum noch raus.

Eigentlich war ich dort, um für eine Reportage über Lazios Team zu recherchieren, aber es wurde ein exklusives Treffen mit einem kölschen Jung, FC-Fan durch und durch und der einzige Team-Manager in der Serie A, der nicht aus Italien kommt. Sein Name: Stefan Derkum. Im November 1976 in Köln zur Welt gekommen, in Neuehrenfeld das Abi gemacht, in Bickendorf, wo bis heute seine Eltern leben, groß geworden, dann in Köln als Reiseverkehrskaufmann gearbeitet und seit seiner Geburt FC-Fan. „Das lag in der Luft, mein erstes Idol war Toni Polster. Aber bis heute kann ich nicht verstehen, dass der FC letztes Jahr abgestiegen ist. Was habe ich mich zuvor wie jeck gefreut, dass meine Kölner wieder mal europäisch spielen. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass Lazio letzte Saison gegen den FC in der Europa League spielen würde, aber leider kam es nicht dazu. Aber, ja, alle hier bei Lazio wissen, dass ich FC-Fan bin.“

Mit dem ehemaligen HSV- und heutigen Lazio-Spieler Milan Badelj wird vor und nach jedem Spieltag getippt und gerätselt, welcher Club am Ende die Nase vorn hat. Aber noch immer ist die Frage des „Transfers“ von Bickendorf zur Lazio ungeklärt. „2001 wollte ich einfach mal eine Auszeit nehmen. Mein Kölner Chef hat mir sogar Mut zugesprochen und gesagt, ich solle es machen, ich könne jederzeit zurückkehren.“ Derkums Reiseziel hieß Neapel. Und hier im Süden Italiens nahm sein Leben eine unerwartete Wendung. Er verliebte sich.

Derkum verlor sein Herz an eine Römerin, mit der er inzwischen zwei Kinder hat. „Beide Kids sind zwar mehr Römer als Deutsche, aber das kölsche Gen merkst du ihnen an. Besonders der Kleine interessiert sich sehr für die FC-Ergebnisse.“ Die Liebe siegt gegen eine Rückkehr nach Köln. Rom wird Derkums neue Heimat. „Zu Beginn konnte ich kein Wort Italienisch. Englisch hat geholfen, und zur Not wird in Italien eh viel mit den Händen gesprochen“, sagt der 42-Jährige, der heute nicht nur perfekt Italienisch spricht, sondern seinen römischen Akzent kaum verbergen kann.

Derkum findet in Rom zunächst Arbeit in einem Reisebüro, das sich auch um die Reisen einiger Sportverbände, wie zum Beispiel der Basketball-Nationalmannschaft kümmert. Seine deutsche Gewissenhaftigkeit gepaart mit der kölschen Lockerheit kommt an. Das spricht sich rum. Als nächstes kommt er bei einer Agentur unter, wo „ich eigentlich nur sechs Monate zum Übergang vorgesehen war.“

Und jetzt kommt Lazio ins Spiel. Denn um die Flüge, Unterkünfte, Transporte von SS Lazio Roma kümmert sich genau diese Agentur. „Mein kölsches Gemüt hat mir bis heute bestimmt geholfen, um mit der römischen Lebensart sehr gut klar zu kommen.“ Lazio ist sehr zufrieden mit ihm und seiner Arbeit, fragt ihn 2014, ob er nicht fix als Team-Manager bei Lazio anheuern möchte. „Wahnsinn, jetzt bin ich schon in der fünften Saison bei diesem prestigeträchtigen Club tätig, eine Top-Truppe. Es ist zwar ein 365-Tage-Job, aber es macht Mega-Spaß.“

Wir schlendern bei unserem Gespräch über das edle Trainingsgelände. Wir treffen auf Olimpia, Lazios Adler, das lebendige Maskottchen, der hier in freier Natur lebt. Spieler und Betreuer grüßen Stefan höflich. „Ciao, Tedesco, tutto bene?“ Da ist einer angekommen und angenommen wie ein gebürtiger Laziale: „Ich bin einer der Ersten, der hier sein Büro betritt, und einer der Letzten, der das Gelände verlässt. Ich muss mich um die Reisen kümmern, da muss alles sitzen und organisiert sein. Im Europapokal gehört beispielsweise die Organisation zu meinen Aufgaben, wo die Mannschaft trainiert und wo man Wasser bestellen kann. Banale, aber sehr wichtige Details. Kürzlich, als Eintracht Frankfurt hier zu Gast war, fuhr ich zum Flughafen, um die Eintracht im Namen Lazios willkommen zu heißen. Aber auch für neue Spieler bin ich der erste Ansprechpartner, hole die Jungs vom Flieger ab, fahre mit ihnen zum Medizincheck, helfen ihnen bei der Wohnungssuche. Wenn ich durch meine Arbeit nur irgendwie im Hintergrund dazu beitragen kann, einen Punkt mehr zu holen, dann hat sich mein Job schon gelohnt.“

Unser Spaziergang geht weiter, an einem der vielen Trainingsplätze vorbei Richtung Umkleide am Fuhrpark der Mannschaft. Am Rückspiegel hinter der Windschutzscheibe eines Wagens hängt ein Plüsch-Hennes. Das kann nur Stefan Derkums Auto sein. „Einmal FC, immer FC. Ich drücke Lazio den einen, dem FC den anderen ­Daumen. Leider bin ich nur sehr selten in Köln, im Sommer meist nur eine gute Woche bei meinen Eltern. So habe ich kaum Zeit, die Spiele live zu sehen. Dennoch verfolge ich alles über das Internet. Zu Hause ziehe ich auch immer mein FC-Sweatshirt an. Dass die 2. Liga nicht einfach werden würde, war mir klar, aber nächste Saison gibt es zum Glück wieder Bundesligafußball in Köln.“

Hennes in Rom – und das schlappe 1.400 Kilometer von der Heimat, wie klein ist doch manchmal die Welt. Ich werde in der Mannschaftsbar noch zu einem Espresso eingeladen, bevor ein herrlicher Nachmittag zu Ende geht: „Auch wenn ich nun schon lange in Rom lebe und meine eigene Familie hier wohnt, im Herzen bleibe ich immer Kölner. Ich fühle mich hier pudelwohl, nur fehlt schon etwas der Karneval.“ Als er das sagt, kommen mir die Bläck Föös in den Sinn. „Ich wor ne stolze Römer …“ oder besser: „Ich bin ne kölsche Römer …“ – mit Stefan Derkum lebt hier der FC-Stammbaum weiter.  

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17 1. FC Köln 7
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