Profis | 19.02.2021

Hüben wie drüben

Streller: „Beim FC geht mein Herz auf“

Wie schnelllebig das Fußballgeschäft sein kann, hat Marco Streller am eigenen Leib erfahren. Im Sommer 2006 stieg er mit dem 1. FC Köln aus der Bundesliga ab, zwölf Monate später reckte er als Spieler des VfB Stuttgart die Meisterschale in die Höhe. Er schoss die Schweiz zur Weltmeisterschaft und wurde während des Turniers zum tragischen Helden. Im Gespräch blickt der Mittelstürmer auf seine Karriere zurück.

Die Sonne scheint Marco Streller ins Gesicht, bevor er am 19. Mai 2007 im Trainingsanzug und mit Sporttasche über der Schulter in den Mannschaftsbus steigt. Es ist ein warmer Samstag in Stuttgart. Während der Fahrt zum Gottlieb-Daimler-Stadion schaut Streller minutenlang aus dem Busfenster. Tausende Fans mit rot-weißen Schals, Fahnen und Trikots begleiten den Bus durch die Straßen der Stadt, jubeln ihrer Mannschaft zu. „Es war die Hölle los. Und blende das dann mal aus, versuch das mal. Das ist fast unmöglich. Wir waren ja nicht Bayern München. Für uns war das alles nicht selbstverständlich“, sagt Streller rückblickend.

Es ist der 34. Spieltag der Bundesliga-Saison 2006/07. Die Spielstätte des VfB Stuttgart ist Schauplatz eines spannenden Meisterschaftsfinales. Als Tabellenführer mit zwei Punkten Vorsprung liefern sich die Stuttgarter mit Schalke ein Fernduell um Platz eins. Der VfB empfängt den bereits geretteten Aufsteiger Energie Cottbus. Schalke muss parallel zu Hause gegen Bielefeld spielen. Streller, der bei den Stuttgartern häufig nur von der Bank kam, steht gegen Cottbus in der Startelf. Viele der rund 56.000 euphorisierten Zuschauer im weiten Rund halten Meisterschalen aus Pappe hoch. „Da haben wir zum ersten Mal in der Saison richtig Druck verspürt. Plötzlich hatten wir etwas zu verlieren“, erinnert sich Streller. Entsprechend nervös beginnt der VfB auch. „Wir waren zwar dominant, aber nicht sehr zwingend.“ Während 365 Kilometer weiter nordwestlich Schalke früh mit 2:0 führt, gerät der VfB in der 19. Minute in Rückstand. Ein kurzer Moment der Stille. „Es war ein Schock“, gibt Streller zu. Sollte der VfB die Meisterschaft tatsächlich noch verspielen?

Schwere Verletzung wirft Streller zurück

Zeitsprung zurück in das Jahr 2004. An Neujahr wechselt Streller im Alter von 23 Jahren vom FC Basel nach Stuttgart. In der Super League, der höchsten Schweizer Spielklasse, hatte der 1,95 Meter große Stürmer in der Hinrunde nach Belieben getroffen. „Ich war in der Form meines Lebens. Aber wer in der deutschsprachigen Schweiz lebt, wächst mit der Bundesliga auf. Mein Wunsch war groß, eines Tages dort zu spielen“, verrät Streller, der von seinen Stuttgarter Teamkollegen gut aufgenommen wird. Auch sportlich läuft es. Streller kommt unter Trainer Felix Magath regelmäßig zum Einsatz, trifft dreimal in 13 Ligaspielen und qualifiziert sich mit dem VfB für den Europapokal. 

Im Sommer 2004 steht die Europameisterschaft in Portugal an. Kurz vor Turnierstart bricht sich Streller im Trainingslager der Schweizer Nationalmannschaft aber das Schien- und Wadenbein. Er fällt ein dreiviertel Jahr lang aus und wird auch anschließend vom neuen VfB-Trainer Giovanni Trapattoni nur sporadisch eingesetzt. „An der Verletzung hatte ich lange zu knabbern. Wahrscheinlich habe ich auch ein bisschen für meinen Lebenswandel gebüßt“, sagt Streller rückblickend. „Ich war als junger Spieler nicht abgeneigt, Party zu machen. Ich habe das Leben genossen.“ Während seiner Zeit in Deutschland sei er nur selten in Top-Form gewesen. „Vermutlich hätte ich einige kleinere Verletzungen sogar vermeiden können, wenn ich damals schon so für den Fußball gelebt hätte, wie ich es später getan habe.“

„Ich habe es geliebt, für den FC zu spielen“

In der Winterpause der Saison 2005/06 wechselt Streller leihweise für ein halbes Jahr zum 1. FC Köln – wohlwissend, dass sich der FC als Drittletzter in Abstiegsnot befindet. „Ich wusste, dass der FC im Sturm einen Partner für Poldi suchte. Und ich hatte immer Sympathien für den Verein. Wie in Basel gibt es auch in Köln den Karneval, den Rhein und den FC.“ Streller findet eine Wohnung mitten auf der Ehrenstraße, der tägliche Trubel fasziniert ihn. „Ich habe mich so unglaublich wohlgefühlt. Die Kölner sind sehr herzlich. Der FC war nicht nur irgendein Verein für mich. Ich habe es geliebt, für diesen Club zu spielen.“

Umso schlimmer schmerzt die Erfahrung des Abstiegs, der am 33. Spieltag feststeht. „Es hat so weh getan. Auch weil ich gespürt habe, wie stark sich die Fans mit dem FC identifizieren.“ Streller ist Stammspieler, insgesamt drei Treffer erzielt er für den FC. Seine womöglich beste Leistung zeigt er im Heimspiel gegen Nürnberg. „Die Partie war der Genickbruch.“ In der Woche zuvor hatte der FC als Tabellenletzter bei Hertha BSC mit 4:2 gewonnen, es keimte nochmal Hoffnung auf. Doch im Kölner Schneegestöber verliert der FC eine verrückte Partie gegen Nürnberg mit 3:4. „Wir haben gekämpft wie die Gestörten. Dieses Spiel werde ich im Leben nicht vergessen. Es hätte genauso zu unserer Seite kippen können.“

Trotz des Abstiegs endet die Spielzeit versöhnlich. Im letzten Saisonspiel gewinnt der FC zu Hause gegen Bielefeld mit 4:2. „Die Hütte war voll, die Leute hatten Freude an dem Spiel“, erzählt Streller, der anschließend zum VfB zurückkehrt. „Es gab klare Absprachen. Trainer Armin Veh wollte, dass ich zurück nach Stuttgart komme.“ Auch deshalb fühlt sich die Zeit beim FC bis heute „irgendwie unvollendet“ an. „Der Abstieg war schlimm, auch wenn ich überzeugt davon war, dass der FC wieder aufsteigen würde. Ich habe noch mehrfach darüber nachgedacht, wie geil es gewesen wäre, nochmal für den FC zu spielen.“

In Köln traf Streller nie

Zu einer Rückkehr kommt es zwar nicht, doch Streller ist immer noch gerne zu Besuch in der Domstadt. „Ich liebe Köln. Nach Basel ist das meine Stadt. Mein Herz ist rot-blau wegen Basel und ein bisschen rot-weiß wegen Köln.“ Auch das kölsche Liedgut beherrscht Streller umfassend. „In einer Kölner Kneipe kamen mal Einheimische zu mir und haben mich gefragt, woher ich die Lieder alle kann. Sie hätten noch nie einen Ausländer gesehen, der so textsicher ist. Aber ich liebe das. Mir geht das Herz auf, wenn ich an Köln, die Menschen und den FC denke.“

Vor seiner Rückkehr nach Stuttgart erreicht er mit der Schweizer Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland noch das Achtelfinale. Im Elfmeterschießen gegen die Ukraine verschießt er dann allerdings einen Elfmeter. Die Schweiz scheidet aus. Und das ausgerechnet im RheinEnergieSTADION. „Ich habe in diesem Stadion nie ein Tor erzielt. Das gibt es eigentlich gar nicht.“ Ein einheimischer Blogger erfindet nach dem Ausscheiden das Wort „verstrellern“. „Das war eine schmerzhafte Erfahrung“, gibt Streller zu. Denn einige Monate zuvor hatte er der Schweiz durch seinen Treffer im Qualifikationsspiel gegen die Türkei die WM-Teilnahme überhaupt erst ermöglicht. „Da wurde ich noch als Held gefeiert. Später war ich dann der Depp.“ An die Sekunden vor dem Elfmeter erinnert er sich noch genau. „Als ich zum Elferpunkt gelaufen bin, habe ich meine Beine kaum noch gespürt. Ich habe nur noch Blitzlicht gesehen, der Weg bis zum Elferpunkt schien endlos. Und letztlich bin ich am Druck gescheitert.“ Aber Streller hat das abgehakt. „Ich musste mir in meiner Karriere aber nie vorwerfen lassen, keine Verantwortung übernommen zu haben.“ 

Deutscher Meister mit dem VfB

Es folgt eine märchenhafte Bundesliga-Saison mit dem VfB Stuttgart. Niemand hatte 2006/07 die Schwaben als Meisterschaftskandidat auf dem Zettel. Am 26. Spieltag liegt der VfB noch sieben Punkte hinter Spitzenreiter Schalke. „Aber dann hatten wir plötzlich einen Lauf. Wir standen auf dem Platz und haben gemerkt, dass uns niemand schlagen kann.“ Es folgt eine Serie mit acht Siegen in Folge und dem Sprung auf Platz eins am 33. Spieltag. Doch im entscheidenden letzten Spiel führt Cottbus mit 1:0. „Wir standen aber nicht lange versteinert herum.“ Noch in der ersten Hälfte trifft Thomas Hitzlsperger aus 22 Metern volley rechts oben in den Winkel. 1:1. „Das Ding hat der Thomas eingeschweißt, ein Tor des Monats. Mindestens.“ Im zweiten Durchgang erlöst Sami Khedira die Massen, als er per Kopf den 2:1-Siegtreffer erzielt. „Was folgte, war eine Vollgasparty bis früh in den Morgen.“ 

Anschließend kehrt Streller zum FC Basel zurück. Mit seinem Herzensverein spielt er bis zum Karriereende 2015 regelmäßig in der Champions League, wird achtmal Schweizer Meister und sammelt 244 Scorerpunkte in 325 Pflichtspielen. Von 2017 bis 2019 ist er als Sportdirektor für den FC Basel tätig. „Aber in dieser Funktion war das Fußballgeschäft nichts für mich. Ich stehe für bestimmte Werte, die ich als Sportdirektor nicht immer vertreten konnte und durfte. Sportlich lief es auch nicht wie erhofft. Ich habe mir das sehr zu Herzen genommen. Das hat mich kaputt gemacht.“ Mittlerweile ist Streller als TV-Experte für den Bezahlfernsehsender blue Sport tätig, er hat ein Sportmanagement-Studium abgeschlossen und will im Sommer sein Bachelorstudium der Betriebswirtschaftslehre fertigmachen. „Vielleicht hänge ich noch einen Master dran. Danach bin ich für vieles offen.“

Den 1. FC Köln und auch Stuttgart verfolgt er nach wie vor intensiv. „Der VfB spielt sehr guten Fußball und wird am Ende einen Mittelfeldplatz belegen. Um den FC hatte ich zwischenzeitlich etwas Angst, aber der Derbysieg hat mich extrem gefreut. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass der FC die Klasse hält.“

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
16Hertha BSC26
171. FC Köln23
18FC Schalke 0413

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