Profis | 19.04.2021

Hüben wie drüben

Hasenhüttl: „Nicht die Sterne vom Himmel gespielt“

Zwei Spielzeiten verbrachte Ralph Hasenhüttl in Köln. Sowohl für den FC als auch für ihn keine erfolgreichen Jahre. Einen Bundesligaeinsatz als Spieler hat der Österreicher in seiner gesamten Laufbahn nie sammeln können, dafür hat er als Trainer in Deutschland und England den Durchbruch geschafft.

„Es war für mich eine neue Fußballwelt. Ich kam von einem kleinen Verein in Belgien zum großen 1. FC Köln.“ So blickt Ralph Hasenhüttl heute auf seinen Wechsel im Sommer 1998 zurück. Dabei hatte er im Jahr zuvor mit dem belgischen Club Lierse SK sogar Champions League gespielt und wurde am Saisonende Siebter in der ersten belgischen Liga. Aber Lierse hatte finanzielle Probleme. Einige Spieler mussten sich nach Alternativen umsehen. Einer von ihnen war Hasenhüttl, der vom damals als Berater tätigen dänischen Ex-FC-Profi Hendrik Andersen nach Köln gelotst wurde. 

Der FC war 1998 erstmals in seiner Vereinsgeschichte in die 2. Bundesliga abgestiegen und wollte unter Trainer Bernd Schuster den Wiederaufstieg angreifen. In der Offensive mussten die Verantwortlichen den zum Niederrhein abgewanderten Toni Polster ersetzen und setzten auf den 32-Jährigen 1,91-Meter-Hünen. Einen Vergleich mit seinem Landsmann lässt „Hasi“ allerdings nicht zu. „Ich war ein ganz anderer Spielertyp als Toni. Zudem ist er Wiener und ich bin Grazer.“ Insgesamt lief das erste Jahr in Köln alles andere als zufriedenstellend. „Eigentlich hatten wir eine gute Mannschaft, aber leider keinen sportlichen Erfolg. Ich persönlich habe auch nicht die Sterne vom Himmel spielen können. Ich hatte oft mit Krankheiten und Verletzungen zu kämpfen. Dementsprechend habe ich im ersten Jahr sehr wenig gespielt. Im zweiten Jahr waren es mehr Spiele, aber ich habe zu wenige Tore (2) erzielt. Dennoch war der Aufstieg 2000 ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte.“ Die Aufstiegsfeier nach dem Sieg in Hannover am 8. Mai 2000 ist bis heute in bester Erinnerung. „Wir sind mitten in der Nacht euphorisch am Geißbockheim empfangen worden und haben bis zum nächsten Morgen durchgefeiert. Die Fans so hautnah kennenzulernen, ist schon etwas sehr Besonderes. Zumal die Fanbase in Köln bekanntlich groß und sehr leidenschaftlich ist.“

Lienen gesteht Fehler ein 

Auch abseits des Fußballs denkt Hasenhüttl noch heute gerne an Köln zurück. Nicht zuletzt, da Kölner Blut in seiner Familie fließt. „Das Leben in Köln habe ich sehr genossen. Ich habe mit meiner Frau in der Nähe des Beethovenparks gelebt und bin oft mit dem Fahrrad zum Training gefahren. Wir haben uns als Familie sehr wohl gefühlt und mein zweiter Sohn ist in Köln geboren. Es hat mir damals sehr wehgetan, dass mein Vertrag nach dem Aufstieg nicht verlängert wurde.“ Nach dem Aufstieg 2000 unter Trainer Ewald Lienen wechselte Hasenhüttl in die 2. Bundesliga zu Greuther Fürth. Lienen hat später in einem Interview gesagt, dass es ein Fehler gewesen sei, nicht mit Hasenhüttl verlängert zu haben. Schließlich hätte man ihn und seine Erfahrung bei der jungen Mannschaft in der Bundesliga nutzen können. „Die Einsicht kam leider zu spät“, sagt Hasenhüttl, „heute kann ich es mit Humor nehmen, denn mein Leben und meine Karriere hat sich auch ohne Bundesligaspiel gut entwickelt. Ich bin Ewald Lienen nicht böse.“ 

Zweimal verpasste der Stürmer mit Fürth den Aufstieg nur knapp. Seine Trefferquote war im Vergleich zur FC-Zeit mit 13 Toren binnen zwei Jahren ansehnlicher. Man merkt im Gespräch, dass die verpassten Chancen auf Bundesligaspiele bis heute nachwirken, aber „jeder Rückschlag ist die Chance für etwas Neues. Mir wurde glücklicherweise später als Trainer die Möglichkeit gegeben, in der Bundesliga zu arbeiten.“ 

Mannschaftskollege von Schweinsteiger und Lahm

Zum Abschluss seiner aktiven Zeit spielte Hasenhüttl zwei Jahre in der zweiten Mannschaft des FC Bayern München. Hermann Gerland holte ihn 2002 an die Säbener Straße. Dort wurde „Hasi“ wieder in der Abwehr eingesetzt, wo er auch seine Fußballkarriere in Graz begonnen hatte. Der Karriereabschluss bei Bayern II war ein Vorgriff auf Hasenhüttls Trainertätigkeit. „Zum einen habe ich in dieser Zeit meine Trainerausbildung vorangetrieben, zum anderen habe ich als erfahrener Spieler auch den jüngeren Spielern helfen können.

In der damaligen zweiten Mannschaft waren unter anderem Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Zvjezdan Misimovic, Paolo Guerreo und Piotr Trochowski meine Mitspieler. Es haben einige den Sprung zu einer großen Karriere geschafft, und ich habe so hautnah miterleben können, was es braucht, um eine erfolgreiche Laufbahn anzusteuern. Diese Erfahrung hilft mir noch heute.“ Ob auch Glück zu einer erfolgreichen Karriere gehört, beantwortet Hasenhüttl mit einem Zitat seines damaligen Trainers: „Hermann Gerland hat mal gesagt ‚Immer Glück ist Können, immer Pech ist Unvermögen.‘ Man kann das Glück aus meiner Sicht aber mit sehr viel Einsatz und Wille forcieren.“ Mit Einsatz und Wille hat Hasenhüttl 2005 gemeinsam mit Jürgen Klopp in Köln den Fußballlehrer-Kurs absolviert. „Hätten Sie mir damals gesagt, dass ich mal in der Premiere League als Trainer arbeiten werde, hätte ich Sie ausgelacht.“

Von der Regionalliga in die Champions League

Hasenhüttl ist den Weg gegangen, den viele Trainer gehen. Unterklassig angefangen, hat der Österreicher immer wieder erfolgreiche Arbeit abgeliefert – von Unterhaching über Aalen bis Ingolstadt. 2016 führt Hasenhüttels Weg nach Leipzig. RB war erstmals in die Bundesliga aufgestiegen und sorgte für Furore. Auf Anhieb wurde Leipzig Vizemeister und im zweiten Jahr Sechster. Dennoch war nach zwei Jahren Schluss bei RB. 

Hasenhüttls Vertrag lief eigentlich noch bis 2019, doch Hasenhüttl bat um Vertragsauflösung. „Ich habe meine Verträge eigentlich immer vorzeitig aufgelöst, sowohl in Aalen als auch in Ingolstadt. Wenn die sportlichen Ziele erreicht waren, hatte ich das Gefühl, ich brauche eine Veränderung oder eine Pause. So war es auch in Leipzig. Man darf nicht vergessen, dass wir im zweiten Jahr mit einer sehr jungen Mannschaft Champions League und dann Europa League gespielt haben. Es waren sehr schöne und erfolgreiche zwei Jahre, die aber auch sehr viel Energie gekostet haben. Statt das dritte Jahr zu machen, habe ich für mich entschieden, das Erlebte erst einmal zu verarbeiten. Ich habe diese Zeit gebraucht, denn ich war einfach leer. Ich habe alle Verhandlungen 2018 bewusst auf Eis gelegt. Parallel gab es auch Gespräche mit Dortmund und Bayern München. Den Bayern habe ich mehr oder weniger abgesagt, weil ich mich noch nicht im Stande gefühlt habe, eine solche Aufgabe zu übernehmen – ich war in meiner Entwicklung als Trainer einfach noch nicht weit genug. Viel wichtiger als die Chance auf einen Job ist, dass man diesen dann auch gut macht.“

Trainer in der Premier League 

Der nächste Job wurde ab Dezember 2018 der FC Southampton in der Premiere League – und er macht ihn gut. Die Südengländer hat Hasenhüttl im ersten Jahr aus den Abstiegsregionen geführt und in der Klasse gehalten. In der laufenden Spielzeit hat Southampton sogar kurz die Tabellenspitze erklommen. „Es war ein sehr kurzes, sehr außergewöhnliches Gefühl. Das nehmen wir mit, und für unsere Fans war es ein Highlight. Es war eine Bestätigung für die gute Arbeit, die wir alle hier leisten. Wir wissen, dass wir in diesen Sphären auf Dauer relativ wenig verloren haben.“ 

Im Laufe seiner Spieler- und Trainerkarriere hat Ralph Hasenhüttl viele Vereine mit unterschiedlichsten Konzepten kennengelernt. Zur Differenzierung zwischen Traditionsvereinen und Plastikclubs hat er einen klaren Standpunkt. „Ich arbeite derzeit in dem Fußballtraditionsland schlechthin. Und hier sind fast alle Clubs von einem Geldgeber und Besitzer geführt. Das ist hier gar nicht mehr anders möglich und es ist normal. In Deutschland kenne ich die Diskussion aus Ingolstadt und Leipzig. Ich kann dieser Diskussion aber nichts abgewinnen, da in diesen Clubs sehr gute und erfolgreiche Arbeit geleistet wird. Kurze Entscheidungswege und keine Diskussionen über Themen, die einmal da waren, machen erfolgsorientiertes Arbeiten manchmal auch einfacher und effektiver. Ich weiß aber auch das Herzblut, die Power und die Leidenschaft eines Traditionsvereins sehr zu schätzen. Insgesamt kann ich mir nicht vorstellen, dass RB Leipzig für die Fans in Leipzig weniger wichtig ist als der 1. FC Köln für die Fans in Köln. Man sollte jeden Verein den Weg gehen lassen, den er wählt.“

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PL.VereinPkt.
16SV Werder Bremen31
171. FC Köln30
18FC Schalke 0416

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